Chronologie 1988

JanuarAmerikanische Behörden haben Anfang Januar in einem Lagerschuppen in Texas etwa ein Dutzend Teile der Pershing-1-Rakete entdeckt, die nun nachträglich in den INF-Vertrag aufgenommen werden müssen.

Nach Auffassung von Bundeskanzler Kohl sollte der amerikanische Senat das INF-Abkommen möglichst bald ratifizieren. Der US-Abgeordnete Kemp hat in einem Brief an Außenminister Schultz der Sowjetunion vorgeworfen, sie beginne beim INF-Vertrag schon mit Betrugsmanövern, bevor noch die Tinte unter dem Vertrag trocken sei. Sie hätten eine gefälschte Fotografie der SS 20-Rakete vorgelegt und falsche Angaben über Zahl und Stationierungsorte ihrer Raketen gemacht. Der amerikanische Senat will in zwei Wochen mit den Anhörungen zum Abrüstungsvertrag beginnen.

Der frühere US-Außenminister Kissinger hat auf der CSU-Klausurtagung in Wildbad Kreuth vor einer weiteren atomaren Abrüstung gewarnt, solange damit kein entscheidender Abbau der konventionellen Überlegenheit des Ostblocks verbunden sei.

Nach Angaben der Friedensbewegung wurden am 8. Januar 6 Pershing II-Raketen aus Mutlangen abtransportiert und nach Weilerbach/Pfalz gebracht. Ein Sprecher der US-Army hat dies dementiert.

In einem Brief an den Oberbürgermeister von Schwäbisch Gmünd hat Verteidigungsminister Wörner erklärt, der Abbau der Pershing II - Raketen beginne an allen drei Stationierungsorten im Prinzip gleichzeitig. Noch vor wenigen Wochen hatte Wörner erklärt, daß in Heilbronn mit dem Abbau der Raketen begonnen würde.

Die in der DDR und CSSR stationierten Kurzstreckenraketen sollen vorzeitig abgebaut werden. Dies hat Honecker am 24. Januar angekündigt. Mit der Sowjetunion seien entsprechende Vereinbarungen getroffen worden.

Nach einer Umfrage der New York Times und der Fernsehanstalt CBS befürworten 66 Prozent der Amerikaner den INF-Vertrag.

Februar

Nach einem Bericht des Parteiblatts RUDE PRAVO beginnt in der CSSR der Abzug der sowjetischen Kurzstreckenraketen, die in Mähren im Zuge der NATO-Nachrüstung stationiert worden waren.

Auf der 25. Wehrkundetagung in München, an der unter anderem 7 Verteidigungsminister und 11 US-Senatoren teilnahmen, sind die Meinungsverschiedenheiten in der Frage der Modernisierung der Kurzstreckenraketen offen zu Tage getreten. US-Verteidigungsminister Carlucci und der designierte NATO-Generalsekretär Wörner sprachen sich für eine Modernisierung aus, während der SPD-Vorsitzende Vogel und Bundeskanzler Kohl sich gegen eine Modernisierung aussprachen. CSU-Vorsitzender Strauß bezweifelte, ob sich die seiner Meinung nach notwendige Modernisierung in der Öffentlichkeit durchsetzen ließe.

Bundeskanzler Kohl will bei seiner am 17. 2. beginnenden USA-Reise dem amerikanischen Drängen nach einer schnellen Modernisierung der NATO-Kurzstreckenraketen nicht nachgeben.

In Stationierungsort Waren an der Müritz begann a, 16. Februar der Abzug der ersten sowjetischen SS-12/SS-22-Raketen.

Bei einem Besuch in der NATO-Zentrale in Brüssel hat sich die britische Regierungschefin Thatcher am 17. Februar für eine Modernisierung der Atomwaffen in Europa ausgesprochen und gegen Verhandlungen über deren Reduzierung ausgeprochen.

Der niederländische Verteidigungsminister Willem van Eekelen hat als Kompromiß bei der strittigen Frage der Modernisierung der atomaren Kurzstreckenwaffen vorgeschlagen, daß die NATO zwar bei ihrem Modernisierungsbeschluß bleiben solle, den Zeitpunkt aber um mehrere Jahre zu verschieben.

Nach einer Meldung des SED-Zentralorgans NEUES DEUTSCHLAND begann am 25. Februar der Abzug der sowjetischen Raketen kürzerer Reichweite aus der DDR. Betroffen sind die Stationierungsorte Waren an der Müritz und Bischofswerda bei Dresden. Eine Sonderzug mit SS-12-Raketen und 150 Mann fuhr am Vormittag aus Bischofswerda ab. Bis Ende Februar soll die gesamte Einheit mit insgesamt 400 Mann aus Bischofswerda abgezogen sein, wo sie seit Mai 1984 stationiert war.

März

Die zweite Jugendkammer des Landgerichts Memmingen hat in zweiter Instanz 6 Jugendliche wegen Nötigung zu einer Geldstrafe zwischen 100 und 400 Mark verurteilt. Sie hatten in der Osterwoche 1987 das Raketendepot Kettershausen blockiert.

Die Forderung an die Sowjetunion nach einer Reduzierung ihrer konventionellen Überlegenheit steht im Mittelpunkt einer Erklärung, die von der 16 Staats- und Regierungschefs der NATO in Brüssel verabschiedet worden ist. Bei der Frage der Modernisierung der atomaren Kurzstreckenwaffen konnte sich Kohl durchsetzen.

Die britische Regierungschefin Thatcher hat Kohl am 3. März wegen dessen Haltung in der Modernisierungsfrage scharf angegriffen.

In einem Interview mit dem DEUTSCHLANDFUNK hat Verteidigungsminister Wörner am 4. März erklärt, eine Modernisierung der nuklearen Kurzstreckenraketen sei erst in 7 Jahren aktuell. Bei der Lance-Rakete bestehe gegenwärtig kein akuter Modernisierungsbedarf.

Die Bundesregierung lehnt nach Aussage von Regierungssprecher Ost eine weitere Null-Lösung in Europa ab. Bei den Kurzstreckenwaffen bis 500 km blieben gleiche Obergrenzen das Verhandlungsziel.

Juni

Beim Gipfeltreffen am 1. Juni in Moskau tauschen Gorbatschow und Reagan die Ratifizierungsurkunden zum INF-Vertrag aus.

Juli

In Mutlangen erscheinen am 5. Juli 9 sowjetische Inspektoren zur ersten Vor-Ort-Inspektion nach dem INF-Vertrag.

November

Die ersten Pershing II-Raketen werden am 17. November von Mutlangen abgezogen. In zwei Konvois verlassen 9 Lafetten der D-Battery und auf 14 Lkw verpackt 9 Pershing II-Raketen das Mutlanger Depot. In Frankfurt-Hausen werden die Lafetten gemäß INF-Vertrag zersägt. Die Raketen werden zur Zerstörung in die USA ausgeflogen.

Dezember

In einem feierlichen Zeremoniell wird am 30. Dezember die D-Battery in der Hardt-Kaserne in Schwäbisch Gmünd aufgelöst.


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