Sie taten so, als gäbe es für sie noch ein Morgen. Die Chancen standen jedoch schlecht. In Genf nämlich legten amerikanische und sowjetische Vertreter zu dieser Zeit gerade letzte Hand an ein Abrüstungsabkommen, das zum ersten Mal in der Geschichte des Kalten Krieges eine substantielle Verringerung des Waffenarsenals, ja sogar die komplette Abschaffung einer ganzen Waffenkategorie bringen sollte. Der ganze Popanz, den die Militärs der NATO seit einem Jahrzehnt in Sachen Pershing II, Raketenlücke und Nachrüstung veranstaltet hatten, lief Gefahr, quasi mit einer Handbewegung der beiden mächtigsten Männer der Welt, Reagan und Gorbatschow, in die Asservatenkammer der Militärgeschichte zu wandern.
-> Manöverbericht Carbon Blazer (Mai 1987)Die Ära der Pershings war abgelaufen. Sie stellte den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende einer in der Geschichte einzigartigen Rüstungsprogramms dar, das schon bald nach dem zweiten Weltkrieg begann und die Bundesrepublik Deutschland in eine atomwaffenstarrende Festung verwandelte, zu der es in der Welt keine Parallele gab.
Kein anderes atomares Waffensystem hat die Deutschen mehr in Unruhe versetzt als die Atomrakete Pershing. Allerdings erst rund zwanzig Jahre nach ihrem erstmaligen Auftauchen in der Bundesrepublik. Erst im Zuge der geplanten Nachrüstung im Jahr 1983 entfachte das Waffensystem einen regelrechten Aufschrei.
Die Anfänge der Pershing-Missile kann man irgendwo in den Ausläufern des emotionalen Tsunamis orten, den der Start des Sputnik-Satelliten im Jahr 1957 durch die Sowjetunion in den USA entfachte. Der Schock der dieses Ereignis in Amerika auslöste, entfachte einen regelrechten Aktionismus auf dem Gebiet des Raketenbaus. Militärisch war weniger die piepsende Kugel der Russen von Bedeutung, die die Erde umkreiste, sondern das Trägersystem, das sie in die Umlaufbahn beförderte. In der Tat war es ja so, dass das eigentliche Ziel der russischen Raketeningenieure der Bau einer leistungsstarken Trägerrakete für Atomwaffen war und der listige Nikita Chruschtschow ließ sich die Chance nicht entgegen, mit dem Sputnik-Coup seinem amerikanischen Widersacher eins auszuwischen. Der Hieb saß dann ja auch und brachte das Weltbild der Amerikaner in bedenklichem Maße ins Wanken.
Die Folge war jedenfalls, dass die amerikanischen Raketenprogramme intensiviert wurden, um die sich - zumindest in der Phantasie der amerikanischen Militärs - abzeichnende Raketenlücke möglichst schnell zu schließen. Sowohl die Air Force wie auch die Army und Navy arbeiteten intensiv an teils sich überschneidenden Raketenprogrammen, angefangen von Kurz- über Mittel- bis hin zu Interkontinentalraketen. Aus einem dieser Programme resultierte auch die Pershing-Rakete, mit der ab Anfang der sechziger Jahre sowohl die US Army Europe wie auch die deutsche Bundeswehr ausgerüstet wurden.
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