Die von den USA erhobene Forderung nach einer Revision des militärstrategischen Konzeptes der NATO löste in der Allianz ein zweifaches Echo aus.
Die seit Ende der fünfziger Jahre anhaltenden Diskussionen um eine Mitwirkung der Europäer am nuklearen Entscheidungsprozeß innerhalb des Bündnisses, bislang ausschließliches Monopol der USA und Großbritanniens, erhielten neuen Auftrieb. Die militärpolitischen und strategischen Schritte der USA wurden mehr oder weniger als einen Abbau des nuklearen Engagements der westlichen Führungsmacht und als ein Beweis für deren abnehmende Zuverlässigkeit interpretiert. Auf die führende Rolle der Bundesregierung und ihres Verteidigungsministers Strauß in dieser Auseinandersetzung wird noch einzugehen sein.
Obwohl die Reaktionen der Europäer in vielen Fällen reichlich übertrieben erschienen, war die Methode, mit denen die USA ihre Verbündeten mit ihren neuen strategischen Vorstellungen konfrontierten, durchaus dazu angetan, vorhandenes Mißtrauen und aufkommende Zweifel zu verstärken. Insbesondere folgende Schritte der Kennedy-Administration wurden mit Sorge zur Kenntnis genommen:
Im Falle Frankreichs kam noch erschwerend die kompromißlose und teilweise ohne diplomatisches Fingerspitzengefühl vorgetragene Kritik McNamaras an den nuklearen Ambitionen de Gaulles hinzu, was dessen Absicht, der Allianz den Rücken zu kehren, zweifellos verstärkt haben dürfte. Vor diesem Hintergrund stießen die amerikanischen Forderungen nach einer Abkehr vom Prinzip der massiven Vergeltung und nach einer Verstärkung der konventionellen Komponente des Bündnisses bei den Europäern auf eine verständliche Reserviertheit.
Die Rede, die der amerikanische Präsident Kennedy am 17. Mai 1961 vor dem kanadischen Parlament in Ottawa hielt, bildete den Auftakt zahlreicher amerikanischer Versuche, ihre Strategie einer Flexible Response den Allianzpartnern näher zu bringen. Er betonte darin die Notwendigkeit einer verstärkten konventionellen Aufrüstung und ließ keinen Zweifel daran, daß Fragen einer nuklearen Mitwirkung erst nach Erreichung dieses Zieles zur Debatte stehen könnten.
In ähnlicher Weise wurden die USA auch auf der Tagung des NATO-Rats im Mai 1962 in Athen, die im übrigen im Schatten der verschärften Spannungen um Berlin stand, bei ihren Verbündeten vorstellig. Die Tagung von Athen endete mit einem zweifachen Kompromiß: Die Europäer versprachen eine Verstärkung ihrer konventionellen Rüstung, - allerdings bei weitem nicht in den von den Amerikanern geforderten Dimensionen -, während die USA den europäischen Forderungen nach nuklearer Mitbestimmung durch die Bildung eines Nuklearausschusses als Informations- und Konsultationsorgan ein paar Schritte entgegen kamen. Darüber hinaus wurde von McNamara die Assignierung von 5 Polaris-U-Booten an den Oberbefehlshaber SACLANT zugesagt - eine wohl eher symbolische Geste.
Eine grundsätzliche Einigung über ein gemeinsames strategisches Konzept der Allianz konnte in Athen jedoch nicht erzielt werden.
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