Wie in den vergangenen Jahren offenbarten auch die militärstrategischen Auseinandersetzungen in den frühen sechziger Jahren tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten zwischen Regierung und Opposition in der Bundesrepublik.
Dabei entstand die ungewöhnliche Situation, daß zwischen den Vorstellungen der SPD und denen der Kennedy-Administration ein weit größerer Konsens bestand als zwischen den beiden Regierungen.
Dies war mit die Folge des außenpolitischen Schwenks der SPD im Gefolge der Godesberger Programmrevison, der zu einer nachträglichen Sanktionierung des NATO-Beitritts der Bundesrepublik und zu einer Bejahung der Notwendigkeit eines deutschen Verteidigungsbeitrags führte. Allerdings wurde die starre Fixierung der NATO auf nukleare Kriegsbilder und auf das Prinzip einer massiven nuklearen Vergeltung als einzige Methode der Abschreckung von den Verteidigungsexperten der SPD nach wie vor heftig kritisiert, wobei sie zu ähnlichen Schlußfolgerungen - Flexibilität, Optionsvielfalt und Anhebung der nuklearen Schwelle - wie die amerikanische Regierung gelangten.
Demgegenüber bestanden zwischen den Ansichten der Bundesregierung und denen der Kennedy-Administration teilweise diametrale Gegensätze. Während diese die abnehmende Glaubwürdigkeit einer umfassenden amerikanischen Nukleargarantie angesichts der sowjetischen Bedrohung durch mehr Flexibilität und eine verstärkte Fähigkeit der Allianz, auch unterhalb der nuklearen Schwelle reagieren zu können, wiederherstellen wollten, glaubte vor allem Verteidigungsminister Strauß, dieser Gefahr durch eine partielle Verlagerung der nuklearen Kompetenzen auf die Europäer begegnen zu können.
Dies führte dazu, daß die Forderung nach nuklearer Mitwirkung in der Politik der Bundesregierung zu Beginn der sechziger Jahre allerhöchste Priorität genoß. Zwar widersprach Strauß nicht der amerikanischen Forderung nach verstärkter konventioneller Aufrüstung und leitete auch entsprechende Schritte im Hinblick auf die Bundeswehr ein, kritisierte jedoch teilweise lautstark die amerikanische Theorie einer Anhebung der nuklearen Schwelle, weil er darin eine Einladung an die Sowjetunion sah, unterhalb dieser Schwelle zu militärischen Aktionen zu treten. Diese starre Politik der Bundesregierung trug wesentlich dazu bei, daß die Diskussion in der NATO zeitweise nicht von der Stelle kam und das Bündnis in einem Zustand der strategischen Konzeptionslosigkeit verharrte.
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