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Neuformulierung der amerikanischen Militärstrategie

Grob betrachtet, stellt die militärstrategische Entwicklung der NATO in den sechziger Jahren eine Wiederholung der Entwicklung im vorigen Jahrzehnt mit umgekehrtem Vorzeichen dar. Gewannen ab Beginn der fünfziger Jahre im strategischen Denken und Handeln der NATO nukleare Waffen und Kriegsbilder zunehmend an Bedeutung, so kehrte sich etwa 1960 dieser Trend um und konventionelle Strategie- und Kriegsdoktrinen fanden wieder stärkere Beachtung bei Politiker und Militärs.

Die Ausgangslage war in beiden Fällen identisch: Die Amtsübernahme durch einen neuen Präsidenten in den USA führte zu einer Revision der amerikanischen Militärstrategie, die im weiteren Verlauf auch auf das strategische Konzept der nordatlantischen Allianz ihren Einfluß hatte.

Die Notwendigkeit einer Revision der amerikanischen Militärstrategie entsprang nicht zuletzt dem Umstand, daß sich das militärische Stärkeverhältnis und USA und der Sowjetunion auf dem Gebiet der Nuklear- und Raketenwaffen zu Ungunsten der westlichen Führungsmacht entwickelte. Den sowjetischen Vorsprung, der sich zum ersten Mal beim Start des Sputniks im Oktober 1957 abzeichnete, glaubte man damals von seiten der NATO mit einer verstärkten Ausrüstung der Streitkräfte der Allianz mit taktischen Atomwaffen und einer Dislozierung nuklearer Mittelstreckenraketen an der Peripherie der Sowjetunion hinreichend kompensieren zu können.

Trotzdem wurden bereits zu diesem Zeitpunkt erste kritische Stimmen laut, die den strategischen Monismus einer nur auf nukleare Vergeltung fixierten Konzeption für verfehlt hielten. Zugleich begannen bei einigen nicht nuklearen Mitgliedern der Allianz in Europa Zweifel an der Glaubwürdigkeit der amerikanischen Nukleargarantie sich auszubreiten und erste Forderungen nach irgendeiner Art Mitwirkung am nuklearen Entscheidungsprozeß der auf den amerikanischen Atomschutz angewiesenen Länder tauchten auf. Die sich anbahnende Diskussion über eine eventuelle Verlagerung nuklearer Kompetenzen auf die NATO wurde mit dem Amtsantritt Kennedys vorläufig gestoppt, da der neue amerikanische Präsident an einer weiteren Ausbreitung von Nuklearwaffen, auf welchem Weg auch immer, in keiner Weise interessiert war und im Gegenteil in dieser Frage keinen Kurs strikter Nonproliferationspolitik einzuschlagen gedachte.

Die immer krasser zu Tage tretenden Mängel der bisherigen strategischen Konzeption der USA und der NATO beabsichtigte Kennedy mit einer umfassenden Revision der amerikanischen Verteidigungspolitik zu beheben. Bereits in seiner ersten Botschaft über die Lage der Nation tat er kund, er habe den Verteidigungsminister McNamara angewiesen, die gesamte Verteidigungsstrategie zu überprüfen. Budgetären Beschränkungen sollte die Neuformulierung der amerikanischen Militärpolitik vorläufig nicht unterworfen sein.

In einer weiteren Kongreßbotschaft am 28. März 1961 nannte Kennedy dann die Hauptziele der von ihm geforderten militärstrategischen Revision: "Das Hauptziel unserer Rüstung ist Frieden und nicht Krieg - sicherzustellen, daß unsere Waffen nie benutzt werden müssen - von allen Kriegen abzuschrecken, seien es nun allgemeine oder begrenzte, mit Kernwaffen oder konventionellen Waffen geführte, große oder kleine Kriege - alle potentiellen Aggressoren davon zu überzeugen, daß jeder Angriff töricht wäre."

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