Im Laufe des Jahres 1954 ergab sich für die NATO aus mehreren Gründen die Notwendigkeit einer Revision ihrer bis dahin gültigen Militärstrategie.
Wichtigster Grund bildete die im vorigen Kapitel angesprochene Neuformulierung der amerikanischen Militär- und Sicherheitspolitik im Zeichen des "New Look" der Administration Eisenhower-Dulles, die die Allianz vor die Notwendigkeit einer Angleichung ihrer militärstrategischen Vorstellungen an die ihres politisch, wirtschaftlich und militärisch potentesten Partners stellte.
Eine weitgehende Kongruenz der Militärstrategie der NATO mit der ihres dominierenden Partners stellte die Grundlage jeglicher alliierter Verteidigungsbemühungen dar. Weiterhin wurde 1954, am Ende der Laufzeit des 1952 in Lissabon beschlossenen Streitkräfteplans, das Scheitern der in der Frühphase unter dem Eindruck des Koreakrieges entworfenen militärstrategischen Konzepts evident. Statt der zu diesem Zeitpunkt vorgesehenen Streitkräfte in Europa im Umfang von fast 100 Divisionen standen Mitte der fünfziger Jahre im Abschnitt Europa Mitte nur folgende Kräfte zur Verfügung:
| Land | Divisionen | Stärke |
| Großbritannien | 4 | 90 000 |
| Canada | 1 Brigade | 5000 |
| Niederlande | 2 | 35 000 |
| Belgien | 3 | 55 000 |
| Frankreich | 2 | 35 000 |
| USA | 5 1/2 | 135 000 |
| Total | 16 2/3 | 355 000 |
Dies entsprach nicht annähernd dem bis dahin für eine halbwegs erfolgversprechende Verteidigungskonzeption für notwendig erachteten Truppenumfang. Ferner stellten die zunehmenden Fortschritte der Sowjetunion auf dem Gebiet der nuklearen Rüstung die Militärpartner der NATO vor eine völlig neue Lage und kofrontierte sie zum ersten Mal mit der Möglichkeit eines auch mit nuklearen Waffen vorgetragenen Angriffs der Sowjetunion auf das Gebiet und die Streitkräfte der Allianz.
Dies konnte nicht ohne Konsequenz für die Streitkräftestrukturen und -dislozierungen, sowie für die operativen Planungen der alliierten Militärbehörden bleiben. So wurde zum Beispiel bislang von den NATO-Militärs mangels ausreichender konventioneller Kräfte betriebene Auflockerungen der eigenen Verbände angesichts der nuklearen Bedrohung zu einer militärstrategischen Notwendigkeit.
Weiterhin hatten die beiden Nuklearmächte der Allianz, die USA und Großbritannien, im Hinblick auf eine stärkere Betonung der Nuklearwaffen in der Verteidigungskonzeption der NATO bereits einige vollendete Tatsachen geschaffen. Nach Aussagen des Oberbefehihabers der NORTHAG, Sir Richard Gale, verfügten die britischen Streitkräfte in diesem Kommandobereich seit Februar 1953 über nukleare Waffensysteme für Einsätze auf dem Gefechtsfeld.
Die 7. US-Army, disloziert im Kommandobereich GENTAG, wurde ebenfalls ab 1953 mit nuklearen Gefechtsfeldwaffen ausgerüstet. Bis 1955 wurde diesen Streitkräften ca. 30 Atomkanonen 280 mm und eine gößere Anzahl ballistischer Kurzstreckenraketen der Typen Honest John und Corporal zugeführt. Daneben verfügten die amerikanischen und britischen taktischen Luftflotten in Europa über eine größere Anzahl von Flugzeugen mit sog. "nuclear capability". Die USAFE hatte in der Bundesrepublik darüber hinaus 2 Staffeln (ca. 150 Maschinen) des ferngesteuerten Flugkörpers Matador mit einer Reichweite von rund 1000 km und nuklearer Kapazität disloziert.
Nicht zuletzt die wirtschaftlichen Argumente, die zu einer Revision der amerikanischen Militärpolitik geführt haben, stießen bei den europäischen Mitgliedern der Allianz auf offene Ohren.
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