Es ist im Zusammenhang mit der Gründung der NATO und deren Ambitionen interessant, einen Blick auf die realen Stärkeverhältnisse auf den damaligen potentiellen Kriegsschauplätzen zu werfen.
Mit welchen Kräften wollte das neugeschaffene Bündnis der wahrgenommenen Bedrohung begegnen und seine strategischen Planungen in die Tat umsetzen?
Streitkräftevergleiche, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren üblich waren und bei denen praktische jeder Panzer und jede Haubitze mit einbezogen wurden, gab es in dieser Phase noch nicht.
Auf dem konventionellen Gebiet sah die Lage im vermutlichen Brennpunkt einer militärischen Auseinandersetzung, nämlich in Mitteleuropa, eher trostlos aus. Die ehemaligen westlichen Kriegsgegner Deutschlands hatten ihre Streitkräfte weitgehend demobilisiert und was noch in Deutschland zur Verfügung stand, waren Kräfte, die in erster Linie für die Wahrnehmung von Besatzungsaufgaben konzipiert waren.
Zu erwähnen ist hier vor allem die United States Constabulary, eine Art paramilitärische Polizeitruppe der US Army zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in den amerikanischen Besatzungszonen. Sie war in drei Brigaden gegliedert (Wiesbaden, Stuttgart und München) und umfasste bis zu 38000 Mann. Das Hauptquartier befand sich zunächst in Bamberg, später in Stuttgart. Die einzige Kampftruppe, die die USA Ende der vierziger Jahre in der Bundesrepublik stationiert hatten, war die 1st Infantry Division (The Big Red One) mit Stationierungsschwerpunkt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr.
Frankreich unterhielt in seiner Besatzungszone ein Armeekorps mit 3 Divisionen. Das Hauptquartier befand sich in Baden-Baden und die Divisionshauptquartiere in Konstanz, Landau und Bacharach.
Die ehemaligen europäischen Großmächte Frankreich und Großbritannien waren darüber hinaus noch in die Abwicklung ihrer kolonialen Vergangenheit verstrickt, die auch erhebliche militärische Kräfte band (zum Beispiel Frankreich in Indochina). Entsprechend düster sah es deshalb auch im nördlichen Bereich des Mittelabschnitts aus, in dem die Briten Ihre Besatzungszone hatten. Auch hier wurden die Kräfte, die bei Kriegsende 1945 auf deutschem Boden standen, erheblich reduziert und zwar auf zwei Divisionen (2nd Infantry Division und 7th Armoured Division) und eine Fallschirmjäger-Brigade (16th Parachute Brigade). Im Jahr 1948 wurden diese Kräfte zur British Army of the Rhine (BAOR) zusammengefasst und in Bad Oeynhausen dafür ein Armee-Hauptquartier eingerichtet. Belgien, das einen Teil der Besatzungstruppen der britischen Zone stellte, unterhielt 1948 in Deutschland zwei Infanteriedivisionen, und zwar in Bad Godesberg und in Neheim.
Schließlich befand sich in Schleswig-Holstein noch eine dänische Brigade in einer Stärke von rund 1000 Mann, deren Hauptquartier sich in Itzehoe befand.
Eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik wurde in dieser Phase zwar verschiedentlich angedacht und von den herrschenden Kräften in der jungen Bonner Republik auch durchaus immer wieder ins Gespräch gebracht, stellt jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine disponierbare Größenordnung dar.
Die Eröffnungsbilanz der NATO in Mitteleuropa sah also mehr als düster aus, wenn man ihr das von der NATO und den USA angenommenen russischen Streitkräftepotential gegenüberstellt.