Geschichte der NATO im Kalten Krieg

Entstehung und Zielsetzung der NATO (1945 - 1949)

Der Nordatlantikvertrags verdankt seine Entstehung dem Unvermögen der USA und UdSSR, die als einzige Länder das mörderische Ringen des zweiten Weltkriegs als Großmächte überstanden hatten, auf der Basis der Vereinten Nationen ein globales System kollektiver Sicherheit zu schaffen.

Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges begann nicht eine Phase des weltweiten Friedens, sondern die Epoche des Kalten Krieges, der zum bestimmten Faktor der Nachkriegsentwicklung wurde und mehr als einmal in einen heißen Krieg umzuschlagen drohte.

Die Befürchtungen der Westeuropäer vor einem Wiederaufleben einer deutschen Aggressionspolitik, die noch im Vertrag von Dünkirchen zwischen Frankreich und Großbritannien ihren Niederschlag fanden, wichen schon bald einem Gefühl wachsender Bedrohung durch die Sowjetunion, die durch eine Strategie der sukzessiven Expansion ihren Einflussbereich zu erweitern versuchte.

Die ersten Erfolge bei der Schaffung eines westeuropäischen Bündnisses zur Abwehr dieser Bedrohung, die sich im Vertrag von Brüssel vom 17. März 1948 manifestierten, wurden durch die Erkenntnisse relativiert, dass die vom Krieg schwer heimgesuchten Länder Westeuropas trotz European Recovery Program die für die Verteidigung ihrer Hemisphäre notwendigen Mittel unmöglich aus eigener Kraft aufbringen konnten, zumal ein Großteil des militärischen Potentials bei der Verteidigung kolonialer Bastionen gegen die überall aufflammenden Befreiungsbewegungen gebunden war. Zwei Wege, das Abwehrpotential Westeuropas zu verstärken, boten sich an:

  • Die Einbeziehung der Ressourcen des westlichen Deutschlands in eine westeuropäische Verteidigungsorganisation
  • Die Bildung eines europäisch-atlantischen Bündnisses unter Einschluss der nordamerikanischen Staaten.

Einer westdeutschen Wiederbewaffnung stellten, nur drei Jahre nach Kriegsende, die noch weit verbreiteten Ressentiments der ehemaligen Kriegsgegner eine vorläufig noch unüberwindbare Hürde entgegen.

International


Der NATO-Vertrag von 1949

Im Juli 1948 begannen die Verhandlungen zwischen den Mitgliedern des Brüsseler Pakts und den USA und Kanada mit dem Ziel der Bildung einer atlantischen Verteidigungsorganisation, die im weiteren Verlauf um die Staaten Italien, Dänemark, Norwegen, Island und Portugal erweitert wurden.

Am 4. April 1949 wurde der Nordatlantikvertrag von den Verhandlung führenden Staaten in Washington unterzeichnet. Der Nordatlantikvertrag führte zu einer Verquickung der westeuropäischen Sicherheitsinteressen mit denen der USA, was ein erheblicher Zuwachs an Potential mit sich brachte, zugleich begründete er aber den weltpolitischen Status minus Westeuropas und das bipolare Wertsystem, in dessen Schatten der globale Einfluss Europas zu schwinden begann.

Die Kernbestimmung des Nordatlantikvertrags, der sich in 14 Artikel gliedert, bildete der Artikel 5, in dem die Vertrag schließenden Parteien vereinbaren, "dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen wird; sie vereinbaren daher, dass im Falle eines solchen bewaffneten Angriffs jede von ihnen in Ausübung des in Artikel 51 der Satzung der Vereinten Nationen anerkannten Rechts der individuellen oder kollektiven Selbstverteidigung der Partei oder den Parteien, die angegriffen werden, Beistand leistet, in dem jede von ihnen unverzüglich für sich und im Zusammenwirken mit den anderen Parteien die Maßnahmen, einschließlich die Anwendung von Waffengewalt, trifft, die sie für erforderlich erachtet, um die Sicherheit des nordatlantischen Gebiets wiederherzustellen und zu erhalten."

Im Hinblick auf die militärstrategische Diskussion der späteren Jahre erscheinen im Zusammenhang mit Artikel 5 des Nordatlantikvertrags folgende Feststellungen interessant:

  • Der Nordatlantikvertrag kennt keine automatische Beistandspflicht, sondern überlässt es dem Ermessen jedes Mitglieds, in welcher Form es einem angegriffenen Partner zu Hilfe kommen will.
  • Alle in den späteren Jahren zu Grundsätzen der Politik und Strategie der NATO erhobenen Vorstellungen wie Integration, gemeinsames Oberkommando, Vorneverteidigung und Verpflichtung der USA zum Einsatz von Nuklearwaffen haben keinen Rückhalt in den Bestimmungen des Nordatlantikvertrags vom 1949.

Neben der Kernbestimmung der gegenseitigen Beistandspflicht enthält der Nordatlantikvertrag noch Regelungen hinsichtlich der Stellung des Vertrags zur Satzung der Vereinten Nationen (Artikel 7), zu den Verträgen der Parteien mit Dritten (Artikel 8 ), der Errichtung eines Rats zur Prüfung von Fragen der Vertragsdurchführung (Artikel 9), des Beitritts weiterer Staaten (Artikel 10) und zu Fragen der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit der Vertragsparteien (Artikel 2, 3 und 4). Ferner wurde in Artikel 1 die Pflicht zur friedlichen Streitschlichtung aus der Satzung der Vereinten Nationen übernommen.

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Unterzeichnung des NATO-Vertrags 1949

Unterzeichnung des NATO-Vertrags am 4. April 1949 in Washington. (Quelle: NATO)


Die Militärstrategie der USA 1949/1950

Nach dem Scheitern der Idee eines globalen Sicherheitssystems im Rahmen der Vereinten Nationen, wurde die Politik des Containment, d.h. der Eindämmung der expansiven Ambitionen der Sowjetunion, zur Generallinie der strategischen und außenpolitischen Aktivitäten der Truman-Administration.

Die so genannte Truman-Doktrin vom März 1947, das European-Recovery-Program, die Vandenberg-Resolution und schließlich der Beitritt zur NATO 1949 markierten den Beginn eines grundsätzlichen Wandels der amerikanischen Außen- und Sicherheitspolitik.

Auf die militärstrategische Entwicklung hatte diese Politik anfangs jedoch noch keine nachhaltige Auswirkungen; die USA hatten nach Kriegsende ihre Streitkräfte weitgehend demobilisiert und vertrauten im übrigen auf die kriegsverhindernde Wirkung ihres Nuklearmonopols.

Zur Durchsetzung ihrer Containment-Politik bedienten sie sich in erster Linie einer indirekten Strategie der Militär- und Wirtschaftshilfe für die gefährdeten Länder an der Peripherie des kommunistischen Machtbereichs.

Erst die Detonation der ersten sowjetischen Atombombe am 29. August 1949 sowie der Sieg Mao-Tsetungs und noch stärker der Ausbruch des Koreakrieges im Juni 1950 führten zu einer umfassenden Revision der amerikanischen Militärstrategie. Im Frühjahr legte der Nationale Sicherheitsrat Präsident Truman das Memorandum NSC 68 vor, in dem die amerikanische Sicherheits- und Außenpolitik der nächsten Jahre skizziert war.

In dem Memorandum wurde der Sowjetunion eine aggressive Außenpolitik attestiert. Deren Ziel sei die Subversion und die Zerstörung der gesellschaftlichen und politischen Strukturen aller Länder, die nicht dem sowjetischen Einflussbereich angehörten. Für die Durchsetzung dieser Ziele stünden dem Kreml 175 Divisionen zur Verfügung. Das Memorandum malte ein Endkampf-Szenario, bei dem es nicht nur um Sein oder Nichtsein der USA sondern der gesamten Zivilisation gehe. Zur Abwehr dieser Herausforderung wurden verschiedene Maßnahmen vorgeschlagen, die das politische, militärische und wirtschaftliche System stärken sollten. Unter anderem hielt das Memorandum eine Vervierfachung der Rüstungsausgaben auf rund 50 Milliarden Dollar für unabdingbar. Im einzelnen sah der Maßnahmenkatalog auch folgende Einzelmaßnahmen vor:

  • Aufbau einer starken nuklearen Abschreckungsstreitmacht in Form des Strategic Air Command (SAC).
  • Verstärkung der konventionellen Rüstungsanstrengungen.
  • Ausbau der NATO zu einer starken Verteidigungsorganisation unter Einbeziehung der Bundesrepublik.

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Testexplosion einer Atombombe

Testexplosion einer Atombombe. (Quelle: U.S. Department of Energy)


Streitkräfte der NATO 1949 in Mitteleuropa

Es ist im Zusammenhang mit der Gründung der NATO und deren Ambitionen interessant, einen Blick auf die realen Stärkeverhältnisse auf den damaligen potentiellen Kriegsschauplätzen zu werfen.

Mit welchen Kräften wollte das neugeschaffene Bündnis der wahrgenommenen Bedrohung begegnen und seine strategischen Planungen in die Tat umsetzen?

Streitkräftevergleiche, wie sie in den siebziger und achtziger Jahren üblich waren und bei denen praktische jeder Panzer und jede Haubitze mit einbezogen wurden, gab es in dieser Phase noch nicht.

Auf dem konventionellen Gebiet sah die Lage im vermutlichen Brennpunkt einer militärischen Auseinandersetzung, nämlich in Mitteleuropa, eher trostlos aus. Die ehemaligen westlichen Kriegsgegner Deutschlands hatten ihre Streitkräfte weitgehend demobilisiert und was noch in Deutschland zur Verfügung stand, waren Kräfte, die in erster Linie für die Wahrnehmung von Besatzungsaufgaben konzipiert waren.

Zu erwähnen ist hier vor allem die United States Constabulary, eine Art paramilitärische Polizeitruppe der US Army zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung in den amerikanischen Besatzungszonen. Sie war in drei Brigaden gegliedert (Wiesbaden, Stuttgart und München) und umfasste bis zu 38000 Mann. Das Hauptquartier befand sich zunächst in Bamberg, später in Stuttgart. Die einzige Kampftruppe, die die USA Ende der vierziger Jahre in der Bundesrepublik stationiert hatten, war die 1st Infantry Division (The Big Red One) mit Stationierungsschwerpunkt auf dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr.

Frankreich unterhielt in seiner Besatzungszone ein Armeekorps mit 3 Divisionen. Das Hauptquartier befand sich in Baden-Baden und die Divisionshauptquartiere in Konstanz, Landau und Bacharach.

Die ehemaligen europäischen Großmächte Frankreich und Großbritannien waren darüber hinaus noch in die Abwicklung ihrer kolonialen Vergangenheit verstrickt, die auch erhebliche militärische Kräfte band (zum Beispiel Frankreich in Indochina). Entsprechend düster sah es deshalb auch im nördlichen Bereich des Mittelabschnitts aus, in dem die Briten Ihre Besatzungszone hatten. Auch hier wurden die Kräfte, die bei Kriegsende 1945 auf deutschem Boden standen, erheblich reduziert und zwar auf zwei Divisionen (2nd Infantry Division und 7th Armoured Division) und eine Fallschirmjäger-Brigade (16th Parachute Brigade). Im Jahr 1948 wurden diese Kräfte zur British Army of the Rhine (BAOR) zusammengefasst und in Bad Oeynhausen dafür ein Armee-Hauptquartier eingerichtet. Belgien, das einen Teil der Besatzungstruppen der britischen Zone stellte, unterhielt 1948 in Deutschland zwei Infanteriedivisionen, und zwar in Bad Godesberg und in Neheim.

Schließlich befand sich in Schleswig-Holstein noch eine dänische Brigade in einer Stärke von rund 1000 Mann, deren Hauptquartier sich in Itzehoe befand.

Eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik wurde in dieser Phase zwar verschiedentlich angedacht und von den herrschenden Kräften in der jungen Bonner Republik auch durchaus immer wieder ins Gespräch gebracht, stellt jedoch zu diesem Zeitpunkt noch keine disponierbare Größenordnung dar.

Die Eröffnungsbilanz der NATO in Mitteleuropa sah also mehr als düster aus, wenn man ihr das von der NATO und den USA angenommenen russischen Streitkräftepotential gegenüberstellt.

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Besatzungszonen

Nachkriegsdeutschland, eingeteilt in vier Besatzungszonen. (Quelle: Wikipedia)


SAC - die atomare Komponente

Es lohnt sich auch, einen Blick auf die Entwicklung der nuklearen Alternative zu werfen, mit der die USA in Ermangelung realer konventioneller Kräfte Ende der vierziger Jahre die Sowjetunion in Schach halten wollte.

Zwar bestand (noch) das Monopol der USA in Sachen Atombomben, aber bei den Mitteln und der Strategie, mit denen dieses Monopol in reales, jederzeit einsetzbares militärisches Potential umgesetzt werden sollte, sah es nicht wesentlich besser aus als bei den konventionellen Kräften.

Erst am 16. September 1947 wurde die US Air Force als eigenständige Teilstreitkraft innerhalb der Streitkräfte etabliert. Das Strategic Air Command, das Tactical Air Command und das Air Defense Command wurden als Untergliederungen eingerichtet. Die Organisation des Strategic Air Commands als zentraler Träger der nuklearen Vergeltungskräfte las sich auf dem Papier ganz ambitiös. Am 1. Juli 1947 wurden auf der Andrews AFB sieben neue Bomber-Groups für das Strategic Air Command aktiviert. Aber mangels Personal und Flugzeugen konnten nur zwei wirklich operationell etabliert werden. Sie wurden mit den B-29 ausgerüstet, jenem WK II-Bomber, der über Japan zum Einsatz kam und aus dessen Bombenschacht auf jene zwei Atombomben fielen, die Hiroshima und Nagasaki verwüsteten.

Am 24. September 1947 wurden die vorhandenen Kräfte neu disloziert: Die 2nd Bomb Group verlegte auf die Davis-Monthan AFB in Arizona und die 98th Bombardment Group nach Spokane AFB in Washington. Die übrigen Kräfte des SAC (44th, 90th, 303rd, 305 and 306th) blieben auf dem Papier und auf Andrews AFB bestehen, bis sie schließlich am 6. September 1948 mit Ausnahme der 306th Bombardment Group aufgelöst wurden. Diese wurde mit B-29 ausgerüstet und auf die MacDill AFB in Florida verlegt.

Diese Phase relativer Schwäche währte jedoch nicht lange. Am 19. Oktober 1948 übernahm General Curtis E. LeMay, ein bewährter Bomberstratege des Zweiten Weltkrieges und später Kommandeur der US-Luftwaffe in Europe, das Kommando beim SAC. Er machte sich daran, das SAC zu einem schlagkräftigen Instrument der amerikanischen Nuklearstrategie zu entwickeln.

Man darf auch nicht vergessen, dass die gesamte Reorganistation der amerikanischen Streitkräfte nach dem zweite Weltkrieg nicht ohne Komplikationen ablief. Insbesondere von Seiten der Marine gab es jahrelange Störfeuer, die als der bekannte Aufstand der Admirale in die Geschichte einging. Zum Zeitpunkt, als die Gründung der NATO anstand, war also auch die strategische Komponente im Streitkräfte-Portfolio der sich formierenden Westalliierten weit von einer Institution entfernt, vor der sich die Sowjetunion von ihren vermuteten expansiven Ambitionen hätte abbringen lassen müssen.

Die Bomber des SAC in den Jahren 1946-1950

  1946 1947 1948 1949 1950
Schwere Bomber
B-36     35 36 38
Mittelstrecken-Bomber
B-29 148 319 486 390 268
B-50     35 64 196
Gesamt 148 319 556 490 502

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Convair_B-36_Peacemaker

Der erste strategische Bomber des SAC mit globaler Reichweite. (Quelle: US Air Force)


Die Organe der NATO

Zur Bewältigung der umfangreichen Fragen der militärischen Zusammenarbeit in der Allianz und der gemeinsamen Verteidigung beschloss der NATO-Rat, nachdem der Ratifizierungsprozess in den nationalen Parlamenten im August 1949 abgeschlossen war, die Einrichtung diverser Gremien und Ausschüsse.

Auf seiner ersten Sitzung am 17. und 19. September 1949 in Washington beschloss der Rat die Einrichtung das Defence Committee (DC), dem die Verteidigungsminster der Mitgliedsstaaten angehörten, und das sich über die Verteidigungsplanung des Vertragsgebiets den Kopf zerbrechen sollte.

Als weiteres Gremium richtet der Rat ein Military Committee (MC) ein, das sich aus den Chefs der Generalstäbe der Mitgliedsstaaten zusammensetzte. Sein Aufgabenbereich wurde vom NATO-Rat folgendermaßen umrissen:

  • Erteilung von allgemeinen Richtlinien und Anleitungen militärischer Art an die Standing Group.
  • Beratung des Nordatlantikrats und der übrigen Organe der NATO in militärischen Angelegenheiten.
  • Empfehlung militärischer Maßnahmen für eine einheitliche Verteidigung des Nordatlantikgebiets an den Nordatlantikrat.

Als dem Militärausschuss untergeordnetes, gewissermaßen exekutives Organ, wurde vom NATO-Rat die Standing Group (SG) mit Sitz in Washington ins Leben gerufen. Sie bestand aus den militärischen Vertretern der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs und sollte folgende Aufgaben wahrnehmen:

  • Koordinierung der in den Kommandobereichen und den Regionalen Planungsgruppen entstandenen Operationspläne.
  • Empfehlungen an den Militärausschuss und an den Rat, die vorgenommene Koordinierung der Operationspläne zu billigen und damit zugleich auf gegebenenfalls notwendigen Änderungen und Ergänzungen im Bereich der nationalen Planungen hinzuwirken. Die Standing Group verfügte zu diesem Zweck über einen Bevollmächtigten (Standing Group Representative) beim NATO-Rat.
  • Erteilung von strategischen Weisungen an die alliierten obersten Kommandostäbe entsprechend den "allgemeinen Richtlinien und Anleitungen" des Militärausschusses.
  • Übergeordnetes Organ für zahlreiche zentrale militärischen Dienststellen der NATO.

Die Arbeit der Standing Group wurde durch zwei Faktoren negativ beeinflusst: Die zunehmende Isolierung von den militärischen und politischen Organen der Allianz, nachdem die Mitgliedsstaaten Paris zum Sitz der NATO bestimmt hatten, die Standing Group jedoch weiterhin in Washington verblieb; außerdem wurde die Exklusivität, die aus der Beschränkung auf drei Mitgliederstaaten resultierte, von den übrigen Mitgliedern der Allianz zunehmend kritisiert und keinesfalls als optimale Lösung betrachtet. Um die Mitwirkung der nicht an der Standing Group beteiligten Mitglieder an den oben aufgeführten Aufgaben dieses Gremiums auch außerhalb des nur zweimal jährlich tagenden Militärausschusses zu gewährleisten, wurde der Ausschuss der Militärischen Vertreter (Military Representatives Commitee) gebildet. Im Laufe der Zeit hat sich dieses Organ jedoch mehr und mehr von einem reinen Kontaktorgan zur Standing Group zu einem ständigen Militärausschuss, ähnlich dem politischen ständigen NATO-Rat, jedoch keinesfalls mit den diesem zustehenden Kompetenzen, entwickelt. Noch verfügte die NATO zu diesem Zeitpunkt über keine integrierten Militärstäbe oder Oberkommandos. Um die Verteidigungs- und Streitkräfteplanung im regionalen Bereich voranzubringen wurden fünf regionale Planungsgruppen eingerichtet und zwar für folgende regionale Bereiche:

  • Nordatlantik ( alle Länder außer Italien und Luxemburg)
  • Nordeuropa (Dänemark, Norwegen, Großbritannien)
  • Westeuropa (Belgien, Frankreich, Luxemburg, Niederlande, Großbritannien)
  • Südeuropa (Westliches Mittelmeer – Frankreich, Italien, Großbritannien)
  • Kanada/ USA

Auf der Sitzung am 18. November 1949 wurde die Einrichtung zweier weiterer Ausschüsse beschlossen und zwar die eines Finanz- und Wirtschaftsausschusses für Verteidigung (Defence Financial and Economic Committee) und die eines Ausschusses für Rüstungsproduktion und Versorgung (Military Production and Supply Board).

Militärische Spitzengliederung der NATO im Jahr 1950

Spitzengliederung_NATO_1950

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NATO-Flagge

Die ersten organisatorischen Maßnahmen ergriff die NATO im Herbst 1949. (Quelle: Wikipedia)


Erste strategische Planungen - DC 6/1

Schon bald machten sich die frisch installierten Organe der NATO daran, erste Überlegungen für eine Strategie zu diskutieren, mit der man das Vertragsgebiet gegen östlich Aggressionen verteidigen konnte.

Am 10. Oktober 1949 legte die Standing Group ein erster Ergebnis ihrer Überlegungen unter dem Titel "Das strategische Konzept zur Verteidigung des nordatlantischen Raumes" vor und leitete es als Dokument MC 3 am 19. Oktober 1949 mit Anmerkungen der Stabschefs der Mitgliederstaaten dem Militärausschuss weiter. Dort wurde der Input zahlreicher nationaler militärischer und politischer Stellen eingearbeitet, bevor es als Dokument DC 6 am 29. November 1949 dem Verteidigungsausschuss vorgelegt wurde. Dieser verabschiedete dieses erste grundlegende Strategiedokument der NATO unter dem Titel DC 6/1 am 1. Dezember 1949.

In großen Teilen waren die Ausführungen in dem Dokument, das acht Seiten umfasste, sehr allgemein gehalten. Erst im vierten Kapitel "Military Measures to imlement defense conzept" werden konkrete Aussagen darüber gemacht, wie die Verteidigung des Bündnisgebiets denn nun real erfolgen soll.

Da ist einmal von der Fähigkeit einer strategischen Bombardierung unter Einsatz aller Waffen, also auch von Atomwaffen, als Antwort auf eine Aggression die Rede und dass diese in erster Linie in den Verantwortungsbereich der USA falle.

Dann wurde noch auf die klassische Verteidigung mit konventionellen Streitkräften eingegangen. Und auch die Verantwortung für diesen Bereich wurde klar angesprochen:"the hard core of ground forces will come from the European nations."

Auch die taktische Luftkriegsführung sowie die Luftabwehr fiel nach DC 6/1 in den Verantwortungsbereich der Europäer. Schließlich wurde noch festgelegt, dass die Sicherung der Nachschubwege über den Atlantik primär Aufgabe der USA und Großbritannien sei.


Abrüstungsinitiativen in der Nachkriegszeit

Der Einsatz der ersten Atombombe durch die USA im August 1945, deren Zerstörungspotential alle bisherigen Vorstellungen von der Vernichtungskraft einer Waffe sprengte, ließ allenthalben den Wunsch aufkommen, über eine Beseitigung dieser Menschheitsbedrohung zu verhandeln.

Am 15. November 1945 schlugen die Regierungschefs der USA, Großbritanniens und Kanadas die Gründung einer Atomenergiekommission in der UNO vor, die die Aufgabe haben sollte,

  • den Austausch wissenschaftlicher Atominformationen zu friedlichen Zwecken zu garantieren,
  • die Kontrolle der Atomenergie, um deren ausschließlich friedliche Nutzung sicherzustellen und
  • die Beseitigung der bestehenden Atomwaffen und das Verbot ihrer Herstellung herbeizuführen.

Diesem Vorschlag schloß sich die Sowjetunion an und so konnte die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 26. Dezember 1945 einstimmig einen entsprechenden Resolutionsentwurf verabschieden. Die Arbeit der neuen Kommission nahm einen erfolgversprechenden Anfang, der vom Willen vor allem der beiden Großmächte USA und Sowjetunion zur konstruktiven Zusammenarbeit geprägt war. Die Motivation für ein solches Verhalten war allerdings verschieden und letzlich für das Scheitern dieses Gremiums 1950 verantwortlich.

Während nämlich die USA vor allem eine weitere Verbrietung der Atomwaffen verhindern wollten, bestand die Sowjetunion auf einer sofortigen Vernichtung bestehender Atomwaffen und einer bedingungslosen Offenlegung der Atominformationen. Ein verständlicher Wunsch, wenn man bedenkt, daß die Sowjetunion in der Atomforschung noch weit zurücklag.

Auf der ersten Sitzung der Atomenergiekommission am 15. Juni 1946 schlug der amerikanische Delegierte Bernhard Baruch den Aufbau einer internationalen Atomenergiebehörde vor, " welche alle Phasen der Entwicklung und des Gebrauchs von Atomenergie überantwortet werden sollte." Nach Errichtung dieser Behörde sollte die Herstellung von Atomwaffen verboten und die bestehenden Vorräte vernichtet werden. Ferner sollte die Behörde die Einhaltung des Verbots überwachen und unter Umgehung des Sicherheitsrates gegen vertragsbrüchige Staaten Sanktionen verhängen können.

Die Sowjetunion, die eine solche Einschränkung ihres Vetorechts nicht akzeptieren wollte, lehnte diesen Plan ab, weil er der UN-Charta widerspreche. Sie forderte statt dessen
  • ein sofortiges Verbot der Atomwaffenproduktion,
  • die sofortige Vernichtung bestehender Atomwaffenvorräte, sowie
  • die Publizierung sämtlicher wissenschaftlicher Informationen über die Atomenergie ohne Vorbedingungen.

Dieser Plan wurde an 26.Juli 1946 von den Westmächten abgelehnt, weil in ihm keinerlei Kontrolle vorgesehen war und ebenso die Frage von Sanktionen unbeantwortet blieb. Obwohl die Atomenergiekommission bis Ende 1946 noch siebzigmal tagte, konnte in den drei Fragen

  • Bildung einer internationalen Behörde mit weitreichenden Kompetenzen,
  • Schaffung eines Systems von internationalen Kontrollen und
  • Sanktionsmöglichkeiten gegen vertragsbrüchige Staaten

keine Übereinstimmung erzielt werden. Damit war die Kommission faktisch gescheitert, obwohl sie formal noch bis 195o weiterbestand und die großen Erwartungen, die bei ihrer Gründung in sie gesetzt worden waren, erfüllten sich nicht.

Dasselbe Schicksal widerfuhr einer anderen Kommission der UNO, die 1947 vom Sicherheitsrat ins Leben gerufen wurde und Empfehlungen zur konventionellen Abrüstung vorlegen sollte. Die Arbeit der UN-Kommission für konventionelle Rüstung scheiterte an der Haltung der Sowjetunion, die ein Junktim herstellen wollte zwischen atomarer und konventioneller Rüstung und deshalb separate Verhandlungen ablehnte.

Die Vollversammlung setzte mit ihrer Resolution Frieden durch Taten einen Schlußstrich unter diese Phase der Abrüstungsbemühungen im Namen der Vereinten Nationen. In dieser Resolution vom 17. November 1950 wurde die Sowjetunion wegen ihrer Einmischung in die Verhältnisse in Griechenland und ihres Verhaltens bei den Abrüstungsverhandlungen der letzten Jahre indirekt gerügt und zugleich die Erwartung ausgedrückt, daß neue Verhandlungen über Abrüstungsfragen in Gang kämen.